Die besondere Reportage: Hans Modrow PART II.

Hans Modrow
Hans Modrow (Politiker/PDS). DDR-Ministerpräsident (13.11.1989 – 18.03.1990) 30.08.1992

Hans Modrow ist gestorben. DDR-Ministerpräsident, Parlamentarier, kontroverse Figur. Ein Jahrhundertzeuge. Vera Rüttimann verband mit ihm eine 32-jährige Freundschaft. Eine persönliche Erinnerung. 

„Breaking News“ hiess es am Samstag um 10 Uhr. „Hans Modrow gestorben“ poppte es auf dem iPhone auf. Wenige Tage nach seinem 95. Geburtstag. Diese Nachricht traf mich tief. Ich wollte ihn eigentlich im neuen Jahr wiedersehen. Ich sah ihn gedanklich schon über die Karl-Marx-Allee in Berlin-Friedrichshain schlendern, mit seinem typisch wiegenden Gang. Auf dem Weg zum Café Sibylle, das er oft anpeilte und mit Leuten diskutierte.   

Bis zu seinem Tod blieb Hans Modrow wach. Es sah nicht so aus, als würde dieser Mann genug haben von der Welt. Er stand noch immer jeden Tag um 8.30 Uhr auf. Er joggte noch immer auf dem Laufband. In seinem Arbeitszimmer seiner Wohnung in der Karl-Marx-Allee in Berlin-Friedrichshain lagen stets Stapel von Büchern und Zeitungen. Und lauter spannende Dinge. Neben den Klassiker des Marxismus-Leninismus sah ich einmal ein Fähnchen des 1. FC Union, den er als SED-Jugendfunktionär mitgründete.

Hans Modrow
Hans Modrow, Berlin, 01.05.1992, © Vera Rüttimann

Jahrhundert-Leben

Hans Modrow war buchstäblich ein Jahrhundertzeuge. Am 27. Januar 1928 im damals preussischen und heute zu Polen gehörenden Dorf Jasenitz geboren. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Hitlers sogenannten Volkssturm eingezogen. In sowjetischer Gefangenschaft geraten. Danach steile Karrriere in der SED bis zum Bezirkssekretär in Dresden. Parlamentarier in der DDR-Volkskammer. Nach der Wende im Deutschen Bundestag und Europaparlament. Dann, im Winter 1990, den undankbarsten Job der Welt als DDR-Ministerpräsident übernommen: Die Abwicklung seines Landes, die DDR.

Hans Modrow
Wahlfeier der PDS vor dem ehemaligen ZK der SED in Berlin-Mitte. An der Front sind man die Konterfeis von Gregor Gysi und Hans Modrow. Berlin Mai 1990 © Vera Rüttimann


Das Interview im „Grossen Haus“ 

Wir lernten uns im September 1990 bei einem Interview für eine Schweizer Zeitung kennen. Das kam so: Mich trieb die Neugier „zur anderen Seite“, zum Osten, in die Noch-DDR. Zur „Rückseite des Mondes“. So weit weg war das von meiner damaligen Welt. 

Die Stimmung in diesen Tagen war erfüllt von einem aus heutiger Sicht fast irrealen „Alles ist möglich. So lief ich zu Hans Modrows Büro, das sich in „Grossen Haus“ (dem früheren Sitz des ZK der SED) befand. Ich fragte um ein Interview mit ihm an. Und bekam es prompt. Ich war 22, besetzte im Prenzlauer Berg leerstehende Häuser. Und nun traf ich auf den ehemaligen DDR-Staatschef.

Mit Hans Modrow verstand ich mich auf Anhieb. Er hatte nichts Distanziertes an sich. Ich war überrascht von dieser unerwarteten Spontanität und seiner Herzlichkeit. 

Wahl-Tour durch Mecklenburg-Vorpommern 

Für eine Reportage durfte ich dann sogar durch seinen Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern begleiten. Am 2. Dezember 1990 standen die ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen an. Wer war ich? Ich wusste von der DDR damals noch wenig. Mit meinem Fotografieren und schreiben stand ich erst am Anfang. Aber ich wollte um nichts auf der Welt jetzt genau hier sein: In der Post-DDR. In Ost-Berlin. In dieser historischen Transformation. Und dieser Hans Modrow nahm mich tatsächlich mit auf PDS-Wahltour. Nur er, sein Fahrer und ich. Mehrere Tage im Zeitraum von drei Wochen.

Hans Modrow
Rückspiegel des Autos (Citroen) von Hans Modrow, mit dem ich im November 1990 zweimal auf Bundestags-Wahltour unterwegs war in Mecklenburg-Vorpommern. © Vera Rüttimann
Hans Modrow
Hans Modrow (Politiker/PDS). DDR-Ministerpräsident (13.11.1989 – 18.03.1990). Erste Tour durch sein Wahlkreis nach Neubrandenburg und andere Orte(Mecklenburg-Vorpommern). Erster Kontakt mit Hans Modrow. Wochen vor den ersten gesamtdeutschen Bundestagsewahlen (02.12.1990). Besuch bei einem Kinderheim. 13.11.1990,  © Vera Rüttimann
Hans Modrow
Erste Tour durch sein Wahlkreis nach Neubrandenburg und andere Orte (Mecklenburg-Vorpommern). Erster Kontakt mit Hans Modrow. Wochen vor den ersten gesamtdeutschen Bundestagsewahlen (02.12.1990). Besuch bei einem Kinderheim. 13.11.1990, © Vera Rüttimann

Wir erzählten uns aus unseren Leben. In diesen Tagen freundeten wir uns an. 

Hans Modrow
Erste Tour durch sein Wahlkreis nach Neubrandenburg und andere Orte(Mecklenburg-Vorpommern). Erster Kontakt mit Hans Modrow. Wochen vor den ersten gesamtdeutschen Bundestagsewahlen (02.12.1990). Nach Bürgerforum.
13.11.1990, © Vera Rüttimann
Erste Tour durch sein Wahlkreis nach Neubrandenburg und andere Orte(Mecklenburg-Vorpommern). Erster Kontakt mit Hans Modrow. Wochen vor den ersten gesamtdeutschen Bundestagsewahlen (02.12.1990).
13.11.1990,  © Vera Rüttimann
Auch und den Folgejahren war ich immer wieder mit ihm auf Tour in seinen Wahlkreis. Grosse Tour in seinen Wahlkreis nach Stavenhagen (Mecklenburg/Vorpommern) Gespräch mit Bürgern auf dem Marktplatz. Zeit, in denen es diesen Leuten sehr schlecht ging. Nachwende-Agonie. 23.04.1992 © Vera Rüttimann

Interessante Gesichtlandschaft

Hans Modrow hatte eine faszinierend facettenreiche Gesichtslandschaft. Sein Gesicht war ein Kompass durch das Chaos des deutsch-deutschen Einheitsprozesses. Seine steil hoch gezogenen Augenbrauen verrieten Hochmut, Wut und Irritation. Der zum geraden Strich verzogene Mund Nachdenklichkeit. Leider zeigten die Medien viel zu oft unvorteilhafte Bilder. Den Ost-Politiker, bei dessen Kopf (optisch)Teufelshörner herauswachsen. Dabei konnte er jungenhafte in die Kameralinse lachen. (siehe letztes Bild ganz unten)

Hans Modrow
Wahlplakat 1992. Wahlfälscher. Berlin, 20.05.1993, © Vera Rüttimann
Vera Rüttimann
Wahlplakate von Hans Modrow an der Karl-Marx-Allee in Berlin. Hier mit aufgemalter Brille. © Vera Rüttimann

Anfang der 90er Jahre begann ich, ihn zu fotografieren. Auch seine Wahlplakate, die oft mit interessanten Kommentaren versehen wurden. Auch sie sind Zeitdokumente.

Hans Modrow
Wahlplakat von Hans Modrow an der Karl-Marx-Allee in Berlin. «Unterhaltung am Wochenende». © Vera Rüttimann
Hans Modrow
Wahlplakat von Hans Modrow in einer Berliner Plattenbau-Siedlung. «Wer zuerst kommt, den belohnt das Leben».
© Vera Rüttimann

Eines meiner unglaublichsten Fotos, das ich je gemacht habe. Es ist keine Collage.

Geschichtsunterricht live

Ich brannte vor Neugier. Rasch wurde mir seine Partei, die PDS, für eine gewisse Zeit eine Art Heimat. Dieses Interesse an ihr hing nicht nur mit Hans Modrow zusammen. Die Debatten an Parteitagen in den Plenen und seiner Privatwohnung zum aktuellen Zeitgeschehen empfand ich als erstklassigen Geschichtsstunden. 

Hans Modrow
Hans Modrow am 2. Parteitag der PDS im Haus am Köllnischen Park in Berlin. Berlin, 21.06.1991, © Vera Rüttimann
Hans Modrow
PDS-Parteitag im Haus am Köllnischen Park in Berlin. Berklin, Januar 1991, © Vera Rüttimann
Hans Modrow
Hammer und Sichel an Demo am Karl-Liebknecht-Haus am 03.10.1994. Berlin, © Vera Rüttimann
Demontierte Lenin-Statue gegenüber des Palastes der Republik in Berlin-Mitte. 30.05.1992, © Vera Rüttimann
Hans Modrow
Hans Modrow. Rechts von ihm: Markus Wolf (eh. Spionagechef Ost). In der Mitte: Wolgang Leonhard (eh. Komintern-Mitglied). Anlass: Podium in der Rosa-Luxenburg-Stiftung der PDS im Gebäude des «Neuen Deutschlands» in Berlin über den Sozialismus. 30.11.1994, © Vera Rüttimann
Hans Modrow
Hans Modrow an der Karl + Rosa-Demo in Berlin-Friedrichsfelde. Mit Lothar Bisky. 12.01.1997, © Vera Rüttimann

Ich tauchte mit Anfang zwanzig in diese „rote“ Welt ein. Modrow gab mir Bücher von DDR-Autoren wie Christa Wolf, Konrad Wolf und Erik Neutsch. Erklärte mir, wofür welche Denkmäler standen und wer das ist auf dem Sockel. Dazu folgten unzählige PDS-Veranstaltungen und Parteitage, wo wir uns sahen. Ich lernte Leute wie Gregor Gysi, Lothar Bisky, Egon Bahr .. und viele prominente Politiker mehr kennen.

Ich sog alles auf auf diesem neuen Planeten. Es war, als bekäme ich ein zweites Land geschenkt. 

Hans Modrow
Hans Modrow am Prozess in Dresden, Dresden, 1993, © Vera Rüttimann
Hans Modrow
Zweiter Teil des «Wahl-Fälscher»-Prozesses gegen Hans Modrow im Dresdner Landgericht. Grosse Menschenmassen, darunter viele PDS-Genossen, versammelten sich jeden Morgen an der Lothringer-Strasse.
Dresden, 02.08.1995, © Vera Rüttimann
Zweiter Teil des «Wahl-Fälscher»-Prozesses gegen Hans Modrow im Dresdner Landgericht. Grosse Menschenmassen, darunter viele PDS-Genossen, versammelten sich jeden Morgen an der Lothringer-Strasse.
Dresden, 02.08.1995, © Vera Rüttimann

Prozess in Dresden

1993 wurde Modrow in Dresden angeklagt und rechtskräftig zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Unter anderem wegen Wahlfälschung im Mai 1989 bei den DDR-Kommunalwahlen und uneidlicher Falschaussage vor Gericht. Viele Wochen sass ich als Prozessbeobachterin für ein Buch («Der Modrow-Protzess, erschienen 1993) im Dresdner Landgericht. Hörte zu, notierte viel und versuchte, zu verstehen. Und ich litt. Dass ein DDR-Politiker vor ein westdeutsches Gericht gezogen wurde, das verstand ich nicht.

Erster Teil des «Wahl-Fälscher»-Prozesses gegen Hans Modrow im Dresdner Landgericht. Grosse Menschenmassen, darunter viele PDS-Genossen, versammelten sich jeden Morgen an der Lothringer-Strasse mit Protest-Plakaten und Nelken.
Dresden, 20.04.1993, © Vera Rüttimann

Plötzlich war Hans Modrow eine Unperson. Ich versuchte diesen Hass zu verstehen. Tauchte tief, sehr tief, in die deutsch-deutsche Geschichte ein. Während des Prozesses in Dresden begann für mich die eigene, persönliche Aufarbeitung von Modrows Vergangenheit. Warum verteidigst du den Bau der Berliner Mauer? Warum wurden so viele Stasi-Akten zerschreddert? Und: Wie hast du dich zum Einmarsch russischer Panzer in Prag 1968 verhalten? 

Nach dem „Wahlfälscher“-Prozess veränderte sich Modrow. Er machte ihn verschlossener und härter. Zu spüren bekam ich das immer dann, als ich, was die Aufarbeitung seiner Vergangenheit anging, ernsthafte Fragen an Moral und Ethik hatte. Nicht immer war ich mit deinen Antworten zufrieden.

Hans Modrow
Urteilsverkündung zum «Wahl-Fälscher»-Prozesses gegen Hans Modrow im Dresdner Landgericht. Grosse Menschenmassen, darunter viele PDS-Genossen, versammelten sich jeden Morgen an der Lothringer-Strasse.
Dresden, 16.12.1996, © Vera Rüttimann

Ich hätte noch viele Fragen an ihn gehabt.

Gerne wäre ich mit ihm jetzt noch mal durch Berlin gelaufen. Und gefragt, was er wo erlebt hat in dieser Stadt.

Reste der Berliner Mauer in Berlin. Eastside Galerie, 20.07.2007, © Vera Rüttimann

Jedenfalls verfügte ich durch diesen persönlichen Anschauungsunterricht bald über ein beträchtliches Insider-Wissen über die DDR. 

Ich kam an Orte, wo ich sonst nie hingekommen wäre. Wie 1992, während der Demo gegen Rechtsextremismus in Rostock-Lichtenhagen.

Hans Modrow
Hans Modrow an der PDS-Demo gegen Rechtsextremismus nach Auschreitungen in Rostock-Lichtenhagen. Hier geht es durch das Plattenbau-Viertel. 30.08.1992, © Vera Rüttimann
Hans Modrow an der PDS-Demo gegen Rechtsextremismus nach Auschreitungen in Rostock-Lichtenhagen. Hier geht es durch das Plattenbau-Viertel. Mit Gregor Gysi. 30.08.1992, © Vera Rüttimann

Modrow und die Kirche

2014 kam es zu einem speziellen Treffen. Wir trafen uns vor dem Eingang der Zionskirche in Berlin-Mitte. Jener Kirche, wo ich gerade eine Fotoausstellung am Laufen hatte.

Hans Modrow
Nach dem Besuch meiner Ausstellung in der Zionskirche in Berlin-Mitte.
© Vera Rüttimann

Wir standen vor einem Bild, das den entkernten Palast der Republik zeigte, der wie ein Techno-Schuppen innen rot ausgeleuchtet war. „Sieh mal“, sagte ich zu ihm, „dein altes Parlament.“ Er sah es still an. 

Hans Modrow
Beleuchteter Palast der Republik an der Langen Nacht der Museen in Berlin-Mitte. Projekt «Volkspalast».
© Vera Rüttimann

Einige Kirchgänger sahen uns und fragten mit halb verärgertem Unterton: „Was macht der denn hier?“ Andere waren erfreut. Das erstaunt nicht: Modrow, der Atheist, hatte einen Zugang zur Kirche. Er wuchs in einer kinderreichen Familie auf, wurde sogar getauft. Als Jugendlicher, sagte er mir mal, habe er die Kirchenglocke in seiner Dorfkirche geläutet und beim Gottesdienst Orgel-Blasebalg getreten. Erst die Antifaschule in sowjetischer Kriegsgefangenschaft habe ihn auf eine „andere Schiene“ gebracht, als er dort erstmals von Karl Marx hörte. 

Hans Modrow, das hörte ich immer wieder, war kein Bonze. Auch befreundete Kirchenleute beschrieben ihn immer wieder als persönlich bescheiden, vernünftig und moralisch integer. Christoph Dieckmann, ein von mir sehr geschätzter Kollege, zitiert in einem Nachruf über Hans Modrow jetzt in der ZEIT seinen Vater, einen Pfarrer, der sagte: «Vor Hans Modrow habe ich Respekt, der hat den friedlichen Übergang möglich gemacht.» Das ist, das sind sich alle Kommentatoren einig, sein grösster Verdienst. Leider wird das viel zu wenig gewürdigt.

Auf den Spuren der Herrnhuter 

Als Hans Modrow noch am Frankfurter Tor 6 an der Karl-Marx-Allee wohnte, wohnte ich eine Zeitlang gleich um die Ecke. Oft ist mir dabei Irina, seine Tochter, auf der Strasse begegnet. 2017 verlor Hans Modrow seine jüngere Tochter. Irina Modrow, das empfand ich als speziell, hatte orthodoxe Theologie und Kirchengeschichte studiert. 1988 promovierte sie über die Herrnhuter Brüdergemeinde. Bis zu ihrem Tod arbeite Irina Modrow für die Bundestagsfraktion Die Linke als Referentin für Religion und Kirche. 

Hans Modrow berichtete mir einmal von einer Reise nach Herrnhut im sächsischen Landkreis Görlitz in der Oberlausitz. Es war wohl ihre Idee von Brüderlichkeit und Gleichheit, was ihn faszinierte.

Hans Modrow
Hans Modrow am Pressefest des Neuen Deutschland in Berlin. Vermutlich 1993. © Vera Rüttimann
Hans Modrow
Veranstaltung im DDR-Museum in Berlin mit Hans Modrow. Berlin, November 2019, © Vera Rüttimann

Gefragter Zeitzeuge

Gute Gelegenheiten für Treffen waren die Mauerfall-Jubiläen in Berlin. Aber nicht nur dort war er rastlos unterwegs. Wenn ich mit ihm telefonierte, hiess es oft: Morgen fliege ich nach Vietnam, in zwei Wochen nach Moskau, in zwei Monaten nach China. Er sprach vor Gewerkschaften, in Universitäten oder Akademien. Im Mai 1992 begleitete ich ihn in die Schweiz zu Terminen. Im April 2019 lud ihn die Eidgenössische Technische Hochschule nach Zürich ein, wo er im Audimax zum Thema »30 Jahre nach dem Fall der Mauer – Europa damals und heute« referierte. 

Die Fehler, die während der deutschen Einheit und in der Nachwendezeit gemacht worden sind, der Untergang der DDR und deren Ursachen, die DDR als Unrechtsstaat – das waren Themen, worüber Hans Modrow ausgiebig sprach. Gerade auch vor jungen Leuten. Woher, fragte ich mich oft, hatte er bloss diese Energie?

Auf den Fluren des Karl-Liebknecht-Hauses in Berlin-Mitte habe ich ihn oft angetroffen. Viele Jahre arbeitete er hier dreimal die Woche in seinem Büro. Vor Jahren habe ich ihm mal einen Teddybären aus der Schweiz geschenkt. Zu seiner Stofftiersammlung. Als ich ihn mal besuchte, sah ich diesen kleinen Bären direkt neben dem ausgestopften Krokodil stehen, das Fidel Castro ihm geschenkt hatte. Dieser Hans Modrow hatte eine weiche Seite. Er konnte aber auch Eisen in seine Stimme legen, wenn ihm etwas gegen den Strich ging.

Nah am Puls der Zeit

In seinen letzten Lebensjahren erlebte ich Hans Modrow keinesfalls eingekapselt in seiner Welt und verbittert. Er suchte den Draht zu jungen Leuten, war nahe am Puls der Zeit. Die Klimakatastrophe, der Ausbeutung der Ressourcen und soziale Ungerechtigkeiten – das waren Themen, die ihm unter den Nägeln brannten. Und natürlich zuletzt der Krieg in der Ukraine. Bis zum Schluss konnte er das Putin-Regimes nicht durchschauen. Obwohl er Wladimir Putin persönlich kannte. „Die Bilder des Krieges“, sagte er in einem Interview mit dem „Neuen Deutschland“, »bringen meine schrecklichen Jugenderinnerungen zurück. Sie diktieren meine Gefühle. Ich sehe die zerstörten Wohnhäuser, sehe ausgebrannte Fahrzeuge auf den Strassen und Menschen, die verzweifelt vor Bomben und Raketen fliehen. Ich fühle mich um fast 80 Jahre zurückversetzt und werde nachdenklich. Europa hatte sich doch geschworen: Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg! Die Narben sind geblieben – ich spüre sie mit meinen 94 Jahren stärker denn je.“

Immer wieder drehten sich unsere Gespräche auch um das kapitalistische System. In seiner jetzigen Form hatte es sich für ihn längst erledigt. Er hing am Traum von einem demokratischen Sozialismus. Am Traum von einer sozial gerechteren, ja menschlicheren, Gesellschaft. Dafür bewunderte ich ihn. In solchen Punkten waren wir uns stets einig.  

In den letzten Monaten wurde es ruhig um Hans Modrow. Die Beine mochten ihn nicht mehr so weit tragen. Und die Querelen mit seiner Partei Die Linke, das wusste ich, setzten ihm seelisch zu.  

Hans Modrow
Vera Rüttimann mit Hans Modrow (Politiker/PDS/DEU) an seinem Geburtstags-Apero in der PDS-Parteizentrale Karl-Liebknecht-Haus in Berlin.

Starke Prägung

Hans Modrow hat mein Leben auf vielfache Weise stark geprägt. Meinen Horizont gesprengt. Nach der Begegnung mit ihm auf der PDS-Wahl-Tour im November 1990 gab es ein Vorher und ein Danach. Ich habe durch ihn (und andere) eine deutsche Geschichte. Mit einer starken Ost-Streifung. Eine richtig greifbare. Dresden und Berlin sind mir genauso nahe wie Bern. 

Hans Modrow, das ist sicher, ist der ungewöhnlichste Mensch, den ich in meinem Leben bislang kennen lernen konnte.

Zeit, das alles aufzuschreiben. Noch viel tiefer.

Hans Modrow
Ewig so in Erinnerung: Hans Modrow. Zu der Zeit EU-Parlamentarier. Besuch in seiner Wohnung in Brüssel. Blick auf das Europa-Parlament.
29.08.2000,
© Vera Rüttimann
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