Pater Emmanuel Wagner: Der Fotopionier aus dem Kloster Engelberg

Pater Emmanuel Wagner war der erste Fotograf im Kloster Engelberg. Über hundert Jahre blieben seine fotografischen Arbeiten unentdeckt. Seine Aufnahmen werden jetzt in der Ausstellung «Pater Emmanuel Wagner (1853–1907) – Fotografien» im Talmuseum Engelberg und in Buchform gezeigt.

Beat Christen
Beat Christen, Kurator der Ausstellung

In Engelberg herrscht an diesem Nachmittag dichtes Schneetreiben. Doch viele wollen die Fotografien von Pater Emmanuel Wagner sehen. Der Mönch des Klosters Engelberg war ein vielseitig aktiver Mensch: Er war als Redaktor und Bildillustrator des «Nidwaldner Kalenders» tätig.

Als Lehrer unterrichtete er Fächer wie Latein, Geschichte und Zeichnen. Dann wirkte Wagner, der 1907 in Engelberg verstarb, auch als Autor und Regisseur der Engelberger Studentenbühne. Und nicht zuletzt war er vor allem Fotograf.

Beat Christen, der Kurator dieser Ausstellung, sagt: «Bei all den vielen Tätigkeiten, frage ich mich, ob er sein Bett im Kloster Engelberg nur einmal benutzt hat.»

Der Mönch mit der Kamera

Die bedeutendste Begabung hatte Pater Emmanuel Wagner für das Fotografieren. Auch für Beat Christen war das eine Überraschung: «Er hat vieles schriftlich festgehalten. Aber in keinem dieser Dokumente findet man von ihm selber einen Hinweis, wie er zur Fotografie gekommen ist.»

Der einzige handfeste Beweis stammt von einem Mitbruder. Im Oktober 1883 hielt Pater Werner Rüttimann in einem Brief fest: «Jetzt bekommt Pater Emmanuel einen photographischen Apparat und will sich auch in dieser Kunst versuchen.»

Pater Emmanuel Wagner
Mit wachem Blick: Selbstporträt Pater Emmanuel Wagner

Das Wow-Erlebnis im Archiv

Das fotografische Werk von Pater Emmanuel Wagner würde vermutlich heute noch im Stiftsarchiv vor sich hin schlummern, hätte das Kloster Engelberg nicht Beat Christen mit der Koordination des Jubiläums «900 Jahre Kloster Engelberg» betraut. 

Im Rahmen des Jubiläums stellte er vor zwei Jahren in der Sust Stansstad eine Ausstellung zum «Visionär und Zeichner» Emmanuel Wagner auf die Beine.

Zu diesem Engelberger Pater hat Beat Christ seit seiner Kindheit einen Bezug. «Wenn ich Geburtstag hatte, bekam ich von meiner Grossmutter immer einen Bund alter Nidwaldner Kalender geschenkt. Die darin enthaltenen Zeichnungen von Wagner übten eine besondere Faszination auf mich aus.»

Pater Emmanuel Wagner
Foto im Talmuseum in Engelberg von Pater Emmanuel Wagner

Recherche im Stiftsarchiv des Klosters

Bei der Recherche zur Ausstellung begab er sich auch ins Stiftsarchiv des Klosters. Dort erfuhr er, dass Pater Emmanuel Wagner auch Fotograf war, und es 280 Bilder von ihm gibt. «Ein Wow-Erlebnis!» 

Als Christen die Fotografien dem Engelberger Klosterkünstler Pater Eugen Bollin zeigte, war die Idee zum Fotobildband geboren.

Pater Emmanuel Wagner
Foto im Talmuseum in Engelberg von Pater Emmanuel Wagner

Bilder einer versunkenen Schweiz

Der neue Fotobildband würdigt auf 128 Seiten das fotografische Werk, das Pater Emmanuel Wagner zwischen 1883 und 1901 erstellt hat. Es zeigt eine bäuerlich geprägte Schweiz, die längst versunken ist.

Pater Emmanuel Wagner
Gut gehängt: Fotos im Talmuseum in Engelberg von Pater Emmanuel Wagner

Beat Christen sagt zu Beginn seiner Führung durch die Ausstellung: «Spannend ist, dass viele seiner Fotos ausserhalb der Klostermauern entstanden sind. Vor allem während seiner Ferienzeit im Herrenhaus in Grafenort.» An diesem Ort, so Beat Christen weiter, sei er mit seiner Kamera oft auf Wanderschaft gegangen.

Pater Emmanuel Wagner
Foto im Talmuseum in Engelberg von Pater Emmanuel Wagner

Zwei Schwinger auf dem Alphüttlidach

Da ist beispielsweise eine Aufnahme von zwei Schwingern auf einem Alphüttlidach, die wie ein Bühnenstück wirkt. Fotos von Frauen auf dem Feld, der Bauer mit der Sense in der Hand. Feixende Jungs mit einer Ziege. Ein Priester im Talar, der sich köstlich zu amüsieren scheint bei einem Kartenspiel mit Bauern. Kniende Kinder vor einem Bildstock in Grafenort. Ein Schul-Nikolaus, umringt von Buben. Bauernhäuser, die es heute noch gibt.

Viele seiner Aufnahmen, so Beat Christen, seien im Stil der Gesellschaft für Volkskunde gestaltet. Letztere entstand 1896 in der Schweiz und erforschte den den Alltag der Leute.

Pater Emmanuel Wagner
Foto im Talmuseum in Engelberg von Pater Emmanuel Wagner

Kunstvolle Inszenierungen

Die Leute blicken meist ernst in die Kamera. Beat Christen weiss, warum: «Wegen der langen Belichtungszeiten mussten die Leute lange warten. Und sie mussten ruhig stehen.»

Die meisten Fotos hat Pater Emmanuel Wagner inszeniert. Dabei habe, so Beat Christen, der Pater auch getrickst. Er zeigt es anhand eines Bildes mit zwei Äbten: Wenn man dieses Foto zuschneidet, dann hat man das Gefühl, es sei im Kloster entstanden. Das ungeschnittene Bild zeigt, dass er das Bild draussen inszeniert hat. Die Leute sassen auf einem Podest und im Hintergrund war ein Tuch gespannt.

Foto im Talmuseum in Engelberg von Pater Emmanuel Wagner

Sorgfältig inszeniert hat Emmanuel Wagner auch seine Mitmönche. Viele Aufnahmen zeigen sie fein drapiert auf Gruppenbildern. Im Kloster, in der Natur oder bei Primizfeiern vor Bauernhöfen. Wagner hatte auch ein Auge für Köpfe: Der Besucher sieht ausdrucksstarke Gesichter von Männern in ihrer Alltagskleidung.

Heile und unheile Welt

Für Beat Christen liegen die Gründe, warum diese Fotos so faszinieren auf der Hand. «Zum einen ist es die für uns heute heile Welt, die er da dokumentiert hat. Die intakte Natur, das enge Zusammenleben mit den Tieren.» Jemand habe unten ins Gästebuch geschrieben: «Wunderbare Reise in die Vergangenheit.»

«Nichts beschönigt»

«Andererseits«, fährt Christen fort, «hat er auch nichts beschönigt.» Er zeigt auf eine Fotografie ein Haus mit eingeschlagenen Fenstern. Davor sitzen zehn kleine Kinder. «Ich weiss nicht, ob man dort im Winter drinnen leben konnte.»

Auch die alte Fototechnik fasziniere viele: «Die Schärfe und die Präzision der Fotografien beeindruckt die Leute heute noch.» Bei den Porträts sehe man manchmal jede Bartstoppel und jede Falte in den zerfurchten Gesichtern.

Pater Emmanuel Wagner
Charakterkopf mit zerfurchtem Gesicht.

Doppeläuger, Glasplatten, Entwicklerdosen

Im Raum ausgestellt sind auch die vier verschiedenen Kameras, die Pater Emmanuel Wagner benutzt hat. Laut einer Fotohistorikerin stammen diese Kameras aus den 1870er und 1880er Jahren. 

Pater Emmanuel Wagner
Ausgestellte Platten-Kamera
Pater Emmanuel Wagner
Ausgestellte Platten-Kameras

Eine Kamera ist sogar doppeläugig. Eine Stereokamera. «Die zwei Linsen sind um zwei Grad verschoben. Somit entstehen Fotos mit dreidimensionalem Effekt», weiss Beat Christen. Leider gibt es nur drei Fotos, die Wagner mit dieser Kamera gemacht hat.

In der Vitrine sind interessante Gegenstände zu sehen. So unter anderem Wechselobjektive, ein Retouschier-Set und eine Entwicklungsdose, in die kleine Glasplatten eingelegt wurden. 

Pater Emmanuel Wagner

Die Glasplatten-Fotografie erfreue sich, weiss Beat Christen, heute wieder einer gewissen Aufmerksamkeit. »Mit einer solchen Kamera möchte ich mal einen Schuss machen.»

Auch Fotoschätze in Sarnen?

An der Buchvernissage war auch Äbtissin Ruth Maria Buschor vom Kloster St. Andreas in Sarnen anwesend. Auch sie sei, so Beat Christen, begeistert gewesen von Buch und Ausstellung über die Fotos von Pater Emmanuel Wagner.

Nachdem die Äbtissin erfahren habe, dass der Engelberger Mönch kurzzeitig Spiritual im Kloster Sarnen war und dort sogar fotografiert hat, werde sie Nachforschungen im Klosterarchiv anstellen. Ausser einem Selbstporträt, das Pater Emmanuel 1897 von sich gemacht hat, sind allerdings noch keine weiteren Bilder gefunden worden. 

Beat Christen sagt: «Es wäre schon spannend zu sehen, wie Pater Emmanuel Wagner die Schwestern im Kloster Sarnen fotografiert hat.»

TV-Beitrag über die Ausstellung:

https://www.srf.ch/play/tv/tagesschau/video/fotos-von-pater-emmanuel-wagner-wieder-entdeckt?urn=urn:srf:video:09b3954b-5373-4cc1-931f-f5231e50ea6b

Das Buch «Emmanuel Wagner Fotografien» ist in der «Edition Odermatt, Dallenwil» erschienen und im Buchhandel für 48 Franken erhältlich. ISBN 978-3-907164-57-0.

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