Wie oft ist zu viel?

Willkommen zur Kolumne Subjektiv-Objektiv – hier sprechen wir verschiedenste Themen rund um Bilder und Fotografie an. Versuchen dabei Themen objektiv aus der Distanz und dennoch mit persönlicher subjektiver Meinung zu beleuchten. Viel Spass!

Wie oft ist zu viel?

Liebe Pixelnews Leserin, Lieber Pixelenews Leser,

Stell dir vor, du stehst an einem malerischen Ort, umgeben von atemberaubender Schönheit. Du hebst deine Kamera an und richtest sie auf das Motiv, das sich vor dir erstreckt – sei es eine majestätische Berglandschaft oder eine architektonische Sehenswürdigkeit wie die berühmte Kappelbrücke in Luzern. Du drückst den Auslöser und erfasst den Moment. Aber hast du dich jemals gefragt, wie oft dieses spezielle Motiv täglich fotografiert wird? Wie speziell ist es denn überhaupt noch?

In unserer heutigen Zeit der digitalen Fotografie scheint die Anzahl der Aufnahmen unbegrenzt zu sein. Hier schnell das Smartphone gezückt, da die Kamera geklickt. Mit jedem Griff zur Kamera, mit jedem Drücken des Auslösers, können wir unzählige Bilder schießen, bearbeiten und teilen. Doch die Frage bleibt: Wie oft ist genug und wie oft ist es zu viel?

Betrachten wir das Beispiel der Kappelbrücke. Dieses prächtige Bauwerk zieht Touristen aus aller Welt an, die es mit ihren Kameras festhalten wollen. Jeden Tag werden tausende Aufnahmen von diesem Wahrzeichen gemacht. Manchmal fühlt sich der Wasserturm wohl wie ein Superstar. Wenn ganze Touristengruppen aus nah und fern gleichzeitig die Kamera zücken und an jeder Ecke ein Selfie geschossen wird. Aber was passiert mit all diesen Bildern? Wie viele davon werden tatsächlich betrachtet, geschätzt und in Erinnerung behalten? Als Tourist wird es wohl eines der Bilder sein, die man abspeichert und vielleicht, ja vielleicht, in vielen Jahren mal wieder per Zufall entdeckt (oder Google Fotos erinnert uns zum Jahrestag an diese Reise). Mit etwas Glück landet das Foto in einem Album und bekommt so zumindest eine andere Dimension.

Manchmal habe ich subjektiv das Gefühl, wir leben in einer Gesellschaft, die von einer ständigen Dokumentation besessen ist. Wir wollen jeden Moment festhalten, um ihn später wieder zu erleben oder um ihn mit anderen zu teilen. Alles dokumentieren, archivieren, speichern. Weisst du noch, wo du heute vor 3 Monaten warst? Nein? Spontan weiss ich dass auch nicht, aber ein Blick in meine «Cameraroll» vom Handy verrät es mir. Auch wenn ich kaum Selfies mache verrät mein Handy; Ich war im Restaurant. Mal wieder. In einem schönen Lokal. Mit weissen Tischdecken. – Aber nein nicht zum Abendessen, sondern zum Brunch. In Luzern. Dass ich in Luzern war, verrät mir aber nicht der schön geschäumte Cappucino oder das knusprige Gipfeli, welches sich in der Galerie des Handys findet – sondern das klassische Luzern-Foto der Kappelbrücke mit Wasserturm.

Doch in unserem Reflex ein Bild zu knipsen, vergessen wir da nicht oft den Moment zu geniessen? (Seien wir mal ehrlich, auch wenn wir es besser könnten, auch Fotografen knipsen doch oft mal schnell schnell mit dem Handy drauflos..). Wie oft ich den Wasserturm der historischen Luzerner Stadtbefestigung schon fotografiert habe? Keine Ahnung. Mit der «richtigen» Kamera schon hundertfach, nämlich bei jeder Hochzeit die im Rathaus stattfand. Mit dem Handy? Wahrscheinlich bei jedem Luzern-Besuch der letzten Jahre. Objektiv gesehen absoluter Schwachsinn – und subjektiv? Auch nach hunderten Besuchen, scheint die Kappelbrücke auch bei mir noch immer das Bedürfnis auszulösen ein Foto zu machen.

Indem wir immer wieder dasselbe Motiv fotografieren, verlieren wir möglicherweise die Fähigkeit, es wirklich wahrzunehmen. Uns zu überlegen, was uns am Motiv gefällt und warum. Einen Augenblick länger Inne zu halten. Werden wir nicht mit der Zeit betäubt von der Flut unserer eigenen Bilder? Statt den Moment zu genießen, sind wir besessen davon, ihn auf unseren Speicherkarten zu speichern und mit Freunden, Bekannten oder der ganzen Welt zu teilen.

Vielleicht sollten wir manchmal innehalten und uns fragen, ob es wirklich notwendig ist, jedes Detail in unzähligen Bildern festzuhalten. Brauche ich wirklich noch ein weiteres Bild der Kappelbrücke?

Ich habe mir auf jeden Fall fest vorgenommen, bei meinem nächsten Spaziergang über den Rathaussteg kein Foto von Luzern’s Wahrzeichen zu schiessen. Weder mit der Kamera noch mit dem Handy – dafür aber mit dem Herzen.

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